Session I · 20. Oktober 2025

Der Turm über dem Rhein

Ankunft in Köln · Das KölnTriangle · Die Ghoule · Ein Name, der nicht sterben will
KölnTriangle

I. Ankunft

Es war kurz vor 23 Uhr, als ihr mit dem Transporter die A3 hinabrollt. Hinter euch die roten Lichter am Kreuz Leverkusen. Vor euch öffnet sich die Stadt.

WDR 4 Aachen meldete einen Schusswechsel in der Altstadt. Drei Senioren aus Köln, tot aufgefunden. Schwer bewaffnet. Polizei schweigt. Augenzeugen sprechen von „chaotischem Einsatz und ungewöhnlich starker Rauchentwicklung."

Keiner von euch sagte etwas. Jürgen Bialas hielt das Steuer.

Der KölnTriangle stand golden im Regenlicht — ein heller Finger, der in den Nachthimmel wies. Hinter der Gruppe toste die Masse eines Konzerts aus der Lanxess Arena. Volltrunkene Fans, Blaulicht, überfüllte Bahnen. Die perfekte Tarnung für das, was sie waren: Raubtiere im Menschenstrom.

Sie parkten. Schlecht und halblegal, wie alles in ihrer Existenz. Dann die Wachmänner am Eingang — zwei schwarze Jacken, Funkgeräte, ein Nicken, das sie passieren ließ und gleichzeitig sagte: Wir sehen euch.

II. Hans und der Turm

Foyer KölnTriangle

Im Foyer saß Hans. Anfang 50, eingefallen, Hände zitternd, Blick glasig. Ein Ghoul — aber einer ohne Herrn. Sein Dormitor war seit dem 5. Oktober Asche.

Als der Aufzug kam und er einen Schlüssel in das Schloss steckte — 21 und 22 gleichzeitig, ein Ping, der durch das leere Gebäude hallte — warf er sich fast wimmernd vor der Gruppe auf den Boden.

„Bitte… etwas Blut. Nur ein wenig. Ich habe dort oben ganz viel Blut für euch — Kühlschränke voll. Aber bitte. Nur ein wenig. Bitte."

Gier hat viele Gesichter. Dieses war besonders ehrlich.

Die Suite im 21. Stockwerk empfing sie mit Schweigen. Glasfronten über der ganzen Stadt — der schwarze Rhein, die Brücken wie glühende Fäden, und in der Ferne, dunkel und unbewegt, die Silhouette des Doms. Schwere Verdunkelungsvorhänge, die keinen Sonnenstrahl durchließen. Dunkle Ledersessel. Kerzenleuchter, halb abgebrannt. Alte Bücher neben Aktenordnern. Ein Raum für Gäste, die man unterbringen, nicht empfangen will.

Im Büro des Prinzen fanden sie sein Erbe — und die erste Spur des Rätsels, das diese Stadt ihr ganzes Blut gekostet hatte:

Auf dem Schreibtisch: ein schwarzes Buch, in rissiges Leder gebunden. Auf dem Einband: das Kölner Stadtwappen aus dem 14. Jahrhundert. Titel: Census Civitatis Cainitae Coloniae. Darin: Namen, Clanzugehörigkeiten, Domänen — die vollständige kainitische Bevölkerung Kölns, seit 1396 geführt. Einige Namen sorgfältig durchgestrichen.

Eine Karte von Köln mit roten Punkten — die sieben bekannten Elysien und zwei weitere, unbekannte Positionen. Zwei der Punkte reagierten auf Druck: Mechanismen, die ein verstecktes Fach öffneten.

Darin: der Verbundbrief von 1396 — die kainitische Entsprechung der Kölner Zunftrevolution. Sieben Clans schließen einen Pakt. Sechs Insignien aus Gold, ein siebtes Siegel: Soromil, Clanloser, Baumeister der Eintracht.

III. Die sieben Ghoule

Die sieben Ghoule
Die sieben Ghoule ohne Herren

Hans öffnete die Tür. Sieben Gestalten traten ein — fahl, verzweifelt, die Augen von Menschen, die zu lange ohne Halt gelebt haben. Ghoule ohne Herren, gehalten nur noch vom Blut-Entzug und der Erinnerung an das, was sie einmal waren.

Sie sprachen alle gleichzeitig. Flehend, drohend, bargaining. Ein Mann im zerknitterten Anzug: „Ich war Stadtrat!" Eine Frau, die zu singen begann. Ein Kahlköpfiger, der mit der Faust auf den Tisch schlug. Sieben Menschen, denen etwas fehlte, das sie nie mehr zurückbekommen würden.

Karl-Heinz Behrens
Ventrue-Ghoul · Gürzenich · Sünde: Hochmut

Mittfünfziger, grauer Anzug, arrogant selbst im Elend. Kennt die Protokolle der Ventrue und den Weg ins Ratsgewölbe unter dem Gürzenich. Will Blut — versucht es wie ein Geschäftsangebot klingen zu lassen.

Amélie Fontaine
Toreador-Ghoul · Museum Ludwig · Sünde: Wollust

Anfang 40, rote Lippen, zittrige Hände. Theatralisch, dramatisch, will Blut als ästhetischen Akt. Kennt die Lagerräume unter dem Museum Ludwig. „Könnten wir das etwas intimer gestalten?"

Cem Yilmaz
Brujah-Ghoul · Helioswerke · Sünde: Wut (Zorn)

Ende 30, kahlgeschoren, Lederjacke, Narben. Laut, aggressiv, schlägt mit der Faust auf den Tisch. Kennt die neuen „Herren" der Helioswerke. „Ich habe keine Zeit für so einen Scheiß."

Hans-Georg „Hansi" Krüger
Nosferatu-Ghoul · Bunker HBF · Sünde: Neid

Blass, bucklig, stinkt. Bettelt kriechend. Weiß, welche Gänge im Bunker verschlossen sind — und wie man an den Spiegel gelangt. Kichert unpassend.

Friederike „Rike" Althaus
Malkavian-Ghoul · Philharmonie · Sünde: Völlerei

Anfang 50, wirres Haar, mehrere Schals übereinander. Spricht im Sing-Sang, beantwortet Fragen, die niemand gestellt hat. Kennt die Katakomben unter der Philharmonie. „Von jedem einen — nur ein kleines Stück."

Katarina Morgenhain
Gangrel-Ghoul · Fort X · Sünde: Trägheit

Ende 40, wettergegerbt, riecht nach Tier und Erde. Kaum Worte. Kennt die verborgenen Zugänge zu Fort X und weiß, wo die Münze des Sheriffs liegt. Sitzt zusammengerollt in der Ecke.

Claudia Metzger
Tremere-Ghoul · Wallraf-Richartz-Museum · Sünde: Geiz

Mitte 40, akkurater Zopf, strenge Haltung. Kontrolliert, präzise, will Blut als Pakt. Kennt die unterirdischen Kammern des Wallraf und das Archiv ihres verstorbenen Dormitors Thomas Reimann. „Ich biete Wissen. Einen Vertrag. Struktur."

IV. Der Reporter und der Name aus dem Stein

Markus Middenberg

Als die Gruppe den Turm verließ, wartete jemand vor der Tür. Markus Middenberg — freier Reporter vom Express, Presseausweis laminiert, Kamera um den Hals. Zu freundlich, zu geübt im Lächeln. Jemand hatte ihm gesagt, dass im Triangle wieder Licht brennt. Und er hatte gewartet.

„Markus Middenberg, freier Reporter. Ich recherchiere nur ein bisschen. Irgendwie ist in den letzten zwei Wochen ne Menge passiert, und… ich hatte einen Hinweis."

Er zeigte euch sein Handy. Nachtaufnahmen vom Rhein. Und — auf dem Bildschirm, fast beiläufig — ein Foto von einem Stein. In den Stein geritzt, an mehreren Orten in der Stadt gefunden: ein Name.

„Soromil. Klingt wie ein Künstlername, oder? Aber es ist komisch — egal, welche Quelle ich finde, ein ähnlicher Name taucht immer wieder auf. Römisch, um 300. Dann 800. 1100. 1300. Als Baumeister. Am Dom. Soramiel, Soromil, Semoril… warum erzähl ich euch das eigentlich?"

Was die Gruppe mit ihm tat, war ihre Entscheidung. Was sie nicht verhindern konnte: dass der Name Soromil nun in ihren Köpfen war. Und nicht mehr herauskam.

V. Was die Gruppe weiß. Was sie ahnt.

Am Ende jener Nacht saßen sie im Elysium des toten Prinzen, umgeben von Ghoulen, die nach Blut bettelten, mit einem Umschlag in der Hand, dessen Inhalt das Ausmaß dessen erahnen ließ, was vor ihnen lag.

Sieben Elysien. Sieben Artefakte aus Gold, versteckt oder verloren. Sieben Clans, deren Primogen zu Staub zerfallen waren in einer einzigen Stunde einer einzigen Nacht.

Und ein Name, der seit dem Jahr 300 n. Chr. aus dem Stein der Stadt schrie: Soromil.

Sie hatten keine Wahl. Sie hatten einen Auftrag. Und sie hatten gerade genug Hunger, um nicht allzu lange nachzudenken.

„Regere sanguine regnare est."
Mit Blut zu herrschen heißt, zu herrschen.

— Inschrift über dem Bett im privaten Museum des Prinzen, KölnTriangle, Etage 22