„Also, das Elysium — das ist in dieser… Philharmonie. Da gehen die Malkavianer hin. Ich war nie Teil der eigentlichen Gruppe. Ich durfte nur herumgehen, Wie eine Messdienerin. Den Kelch tragen. Mehr nicht."
„Man kann von oben rein, wenn man eine Karte hat. Aber — von der Rheinseite unten geht es in ein Gangsystem mit Vorrats- und Lagerräumen. Den Schlüssel habe ich. War ja schließlich die rechte Hand des Erstgeborenen der Malkavianer."
Eine Pause. Dann, fast beiläufig:
„Manche kommen wieder hoch und reden drei Tage nicht mehr. Andere kommen gar nicht wieder. Aber das sind nur Geschichten."
Was Frederike dann erzählte, war kein Gerücht. Es war die Geschichte eines Vampirs, der versucht hatte, aus Liebe das Unmögliche zu tun — und dabei sieben andere Vampire in sein Missverständnis hineingezogen hatte.
Isolde von Kleve — Malkavian-Älteste, Primogen von Köln, 1452 in Ungnade gefallen. Sie hatte jemanden gewarnt, der eine Blutjagd ausgelöst hatte. Der Prinz hatte die Jagd auf sie ausgerufen. Und Prophet Elias — ihr Kind — hatte sie nicht sterben lassen wollen.
„Isolde ist nicht einfach so diablisiert worden. Sie war in Ungnade gefallen. Elias hat sie damals gerettet, Weihnachten 1452. Und das ist der Grund, warum wir tun, was wir tun — wir holen seine Mutter zurück aus ihm."
„Er nannte uns Verse. Weil wir zusammengehören. Weil er meinte, dass Isolde so besser zu hören ist, wenn ihr Lied in einzelnen Versen vorgetragen wird. Wenn alles irgendwann passt, kommt sie zurück."
Frederike schaute auf ihre Hände.
„Ich glaube, das ist jetzt vorbei. Alle verloren."
Prophet Elias hatte im Lauf von 200 Jahren sieben Kinder erschaffen — jedes ein Fragment des Liedes, das Isolde gewesen war. Jeden Samstag auf Sonntag um Mitternacht trafen sie sich unter der Philharmonie, um ihr Blut zu mischen. Um sie zurückzurufen.
Er hörte Isoldes Fragmente und sprach sie aus, ohne zu verstehen. Jede seiner Visionen war ein Stück ihres Liedes.
Interpretierte jede Vision als Zeichen der Stadt selbst. Lächelte, als hätte sie gerade ein Geheimnis ausgezeichnet versteckt.
Deutete Visionen wie biblische Gleichnisse. Aus jedem Bild wurde Schuld und Sühne.
Geplagt von Büchern, Fußnoten, Zusammenhängen. Suchte in jeder Vision den roten Faden — und fand zu viele davon.
Hörte Frequenzen in Dingen, die keine hatten. Für sie waren Visionen Klänge, Wellen, Störungen im geistigen Raum.
Sein Geist klebte zu nah an der Zukunft. Er schrie, bevor er verstand — und lag erschreckend oft nicht falsch.
Sah Visionen als Filmszenen, mit Plot, Dramaturgie und drohender Katastrophe.
„Es war wie jeden Samstag auf Sonntag, eigentlich — bis um 00:00."
„Sie sprachen ihre Worte. Dieses Gebet ohne Himmel. Pater Severin begann immer. Er nahm den Kelch, dankte, füllte ihn mit dem Blut der Verse und sprach: Das ist mein Blut, das durch euch gegeben wurde zur Vergebung der Sünden, tut dies zu meiner Erlösung."
„Svenja, weil sie immer lächelte. Dann Hugo. Dann Rasmus, der den Kelch fast zu fest hielt. Malin, die stets nur wenige Tropfen gab. Stefano, der ihn hielt wie ein Liebhaber."
„Und Elias — bei ihm musste ich immer ganz nah gehen. Er beugte sich nur vor, segnete das Blut, und sagte leise: Damit wir sehen, was sie sah, hören, was sie hörte — und fühlen, was seit dem nicht mehr gefühlt wurde."
„Wenn sie tranken, waren sie nicht sieben. Sie waren eins."
„Dann schlug es Mitternacht. Und sie zerfielen zu Staub. Oder verwesten innerhalb einer Minute."
Am Ende des Gangsystems, hinter einer unscheinbaren Metalltür, änderte sich die Akustik. Kein Hall. Kein Echo. Nur Stille — und darüber, gedämpft, gebrochen durch Beton und Stahl, die Musik aus dem Saal.
Betonwände, glatt und kalt. Ein Podest in der Mitte. Darauf: der goldene Kelch.
Und plötzlich wird es klar:
Isolde wollte weiterleben.
Elias wollte helfen — um jeden Preis.
Die sieben Verse waren kein Kult.
Sie waren ein reines Missverständnis aus Liebe.
Ein Lied, das niemand mehr ganz kannte — aber alle voller Hoffnung mitsangen.
Und dann hing alles an diesem Lied, das nie wieder so werden konnte, wie es einmal war.