Session VII · Artefakt VI · Toreador-Elysium

Museum Ludwig

Der Pokal der Wollust · Amélie Fontaine · Was wirklich geschah
🏆
Der Pokal
Tugend: Keuschheit → Sünde: Wollust
Clan Toreador · Isabelle d'Aubigny, Primogen

I. Amélies Geschichte

Isabelle d'Aubigny — Primogen Toreador-Ausstellung Museum Ludwig

„Ich erinnere mich an den Geruch von Wachs und Wein an dem Abend. Isabelle d'Aubigny saß in ihrem roten Samtsessel, vollkommen ruhig, als würde sie posieren. Ein wunderschöner, kunstvoller und friedlicher Abend — bis um kurz nach Mitternacht."

„Im nächsten Moment zerfiel sie. Ein leises Zischen — und da, wo sie saß, war nur noch Asche. Ihr Kleid glitt langsam zu Boden."

„Ihr Pokal stand auf einem Tisch vor ihr. Irgendwie war er wichtig. Sie sprach in der Vergangenheit so oft von dem schweren Goldding — von einer gemeinsamen Verantwortung der Clans, die Freiheit zu verteidigen. Dass der Pokal das Symbol für Clan Toreador wäre."

„Es fingen alle an zu weinen. Sofort. Der Verlust war unerträglich."

Amélie Fontaine — Ghoul, ehemalige Assistentin der Primogen, geformt durch Jahrzehnte im Schatten einer Frau, die Kunst und Blut gleichermaßen als Sakramente betrachtete. Als Isabelle zerfiel, verlor Amélie nicht nur ihre Herrin. Sie verlor das Einzige, das ihr je etwas bedeutet hatte.

II. Was die Zeitungen schrieben

Streng Vertraulich · LKA P41

Im Rahmen einer privaten, nicht-öffentlichen Zusammenkunft im Untergeschoss des Museum Ludwig kam es zu einem „Kipppunkt", nach dem die Gruppe die interne Struktur verlor.

Im Zuge der Eskalationen wurde ein Sedativ-Alkohol-Gemisch verabreicht — Benzodiazepine, Barbiturate, Wein. Wahrscheinlich freiwillig eingenommen.

Nach Eintritt starker Sedierung: scharfe Gewalt gegen den Halsbereich aller Anwesenden. Präzise Schnittrichtungen.

Zwölf Tote. Vier Schwerverletzte. Tatortbeschreibung: „Verstörend ästhetisch inszeniert."

Sichergestellte Objekte: u.a. goldener Trinkkelch, Objekt 7, mit getrockneten Rückständen (Blut und Wein). Blutspuren von mindestens fünf Personen. Asservatenlager Köln-Kalk, Regal 3B-17.

III. Was wirklich geschah

In der Nacht des 5. Oktober war die Stimmung im privaten Elysium längst gekippt: zu viel Alkohol, zu viele Medikamente, gegenseitige Abhängigkeit.

Isabelle war am Rand eines Nervenzusammenbruchs. Ihre Ghoule stritten, baten, forderten. Und dann ist Isabelle verschwunden — Asche, ohne Vorwarnung, ohne Wort.

Amélie — erschöpft, eifersüchtig, abhängig — verlor in diesem Moment die Kontrolle. Sie verabreichte den Anwesenden einen tödlichen Cocktail als „Nachtgetränk der Muse" und schnitt dann allen bis auf einer die Kehle durch. Der letzte schaute sie voller Verachtung beim Sterben zu.

Amélie richtete die Szene her, damit sie wie ein gemeinsamer Suizid wirkte.

Den goldenen Pokal wusch sie ab. Nahm ihn mit. Als Trophäe. Und als Beweis, dass sie wenigstens etwas behalten durfte.

IV. Das Museum bei Nacht

Das Museum Ludwig war offiziell gesperrt — „technische Sanierung nach einem tragischen Zwischenfall". Amélie führte die Gruppe dennoch hinein: ihr Magnetausweis war nie deaktiviert worden, in der administrativen Hektik galt sie noch als „freie Mitarbeiterin".

Uwe Brenner
Wachmann · Anfang 60 · Kennt keine Hintergründe, nur Gesichter

„Na, das gibt's ja nicht. Fräulein Amélie! Ich dachte, Sie kommen nie wieder — und dann zwei Mal an einem Tag."
Er ließ sie durch. „Wie früher, Uwe." — „Wie früher."

Im Depot — Raum 2B — fanden sie die Kiste. Etikett: LUD 25/06-Obj. 7. Leer. Der Pokal war fort.

Amélie erstarrte. „Er muss hier gewesen sein. Das ist die Kiste. Wo ist er nur?"

Und wenn jemand sie konfrontierte, kippte sie in blanke Verteidigung: „Ich hab ihn nicht—"

Sie hatte ihn natürlich. Nicht im Museum — bei sich zuhause. Das letzte Artefakt des Clan Toreador, ein goldener Pokal, der ein Symbol für Keuschheit sein sollte und stattdessen die Geschichte eines Mordes aus Verlust trug.

V. Der Pokal

Am Ende fanden sie ihn. Schwerer Goldpokal, florale Gravuren, die Innenseite rötlich angelaufen von dem, was er bezeugt hatte. Er passte perfekt in die Hand. Er schien zu wissen, dass man ihn trug.

Was er symbolisiert hatte: Keuschheit. Reinheit. Tiefes Glauben jenseits des Verlangens.
Was die Toreador daraus gemacht hatten: einen Kelch, den man füllt und leert, bis nichts mehr da ist.

Schönheit ohne Maß ist Zerstörung mit einem schönen Namen.
Amélie weinte nicht. Sie hatte lange aufgehört, Dinge zu fühlen,
außer der Abwesenheit dessen, das sie geliebt hatte.