Interlude · Vision · Zwischen Session III und IV

Der Stammbaum

Der Dicke Pitter · Rote Bänder in der Tiefe der Zeit · Die Wurzel unter allem

Es begann um 22:22. Nicht als Wahl — als Einschlag. Der Dicke Pitter läutete einmal, und der Schlag fuhr nicht durch die Luft, sondern direkt durch die Knochen. Kein Ton. Ein Druck, der alles andere verdrängte.

Und dann war die Welt weg.

I. Das Einsetzen

Die Menschen um euch verblassten. Lösten sich auf. Wurden konturlose Silhouetten — dann nichts. Die Straßen verloren ihre Farbe. Tiefer Bodennebel, der alles jenseits von zehn Metern unkenntlich machte. Nur wenige Dinge blieben scharf: ihr selbst, und einige Schritte vor euch die anderen.

Niemand bewegte die Lippen. Niemand sprach. Und doch wusstet ihr instinktiv, dass ihr nicht alleine saht. Denn noch bevor ihr die Augen eurer Begleiter fokussieren konntet, hörtet ihr es:

Ein leises Pulsieren. Ein Ziehen in der Luft. Ein Summen, wie gespannter Draht kurz vorm Zerreißen.

Aus Rücken wuchsen dünne, dunkelrote Bänder. Kaum sichtbar — aber hörbar. Jedes in seiner eigenen Frequenz, seinem eigenen Rhythmus, wie ein persönlicher Herzschlag aus Blut. Die Bänder führten nicht in den Raum. Sie führten in die Zeit.

II. Die Verästelungen

Sie folgten den Bändern. Mit jedem Schritt änderte sich die Stadt um sie — nicht plötzlich, sondern wie das Blättern durch ein altes Buch. Gründerzeitvillen. Mittelalterliches Fachwerk. Römische Palastmauern. Ubische Holzhütten. Die Zeit fiel von ihnen ab wie Schichten von Haut.

Lebendig wirkende Personen. Personen mit einer Haut aus Alabaster. Statuen aus schwarzem Marmor. Figuren aus Eisglas, eingefroren in ihrer Zeit. Und bei jeder Statue, an der ihr vorbeikamt, fiel euch unwillkürlich ein Vorname ein — als wäre das Wissen immer schon in euch gewesen, nur vergessen.

Die Bänder zwischen den Figuren wurden dicker, je tiefer ihr gingt. Je länger die Kette, desto schwerer das Pulsieren. Als käme aus der Tiefe ein Herzschlag, tiefer und dunkler als eurer.

Sie verloren sich aus den Augen. Jeder folgte seiner eigenen Frequenz — und trat nach Stunden oder Tagen, die sich nicht unterscheiden ließen, aus verschiedenen Richtungen an eine Gestalt in schweren mittelalterlichen Roben aus schwarzem Marmor: Lucius Hildebold, Prinz von Cöln. Daneben — seitlich verbunden, nicht ober- oder untergeordnet — eine Figur namens Isolde, und die Silhouette von etwas, das sie nur als Echo wahrnahmen: Konrad.

Aus Lucius' Brust gingen sieben dünnere Bänder nach vorne. Zu Rittern, Gelehrten, Mönchen. Jeder trug einen Wappenrock mit einem eingenähten Wort:

WohlwollenMäßigung KeuschheitDemut WachsamkeitSanftmut Liebe

Sieben Tugenden. Sieben Kinder. Und hinter jedem: weitere Verästelungen in die Jahrhunderte hinein.

III. Der Mann in Lederarbeitskleidung

Den dicksten Bändern folgend, gelangte die Gruppe zu einem anderen Mann. Einfache, robuste Kleidung — Leder, Felle. Alabasterne Haut. Maß und Winkel in der Hand. Nicht als Römer, nicht in Toga oder Insignien. Er stand in einem einfachen Steinlager aus ubischen Zeiten, lange bevor jemand diesen Ort Köln nannte.

Aus seiner Brust gingen die Bänder hervor, denen sie gefolgt waren. Und aus seinem Rücken führte noch ein weiteres, noch dickeres Band hinaus in den Nebel — eine Verbindung zu etwas, das noch älter war.

Und für einen anderen Charakter: eine Statue, die irgendwie bekannt erschien. Ein Krieger aus alten Zeiten, gelockte Haare, markantes Gesicht. Kein Römer, aber aus der Periode. Auf dem Schild: Elefanten und eine Stadt. Er ähnelte Darstellungen von Hannibal — aber mit zu vielen Unterschieden. Ein Verwandter, vielleicht. Und auch aus seinem Rücken führte ein armdickes rotes Band in die Richtung, aus der die anderen kamen.

IV. Der Ursprung

Die letzten beiden dicken Bänder zogen euch weiter. Der Nebel wurde dichter — aber nicht leer. Er war erfüllt von Erinnerung, von Gewicht. Jeder Schritt fühlte sich an, als würdet ihr tiefer gehen, nicht vorwärts. Die Zeit fiel von euch ab. Ubische Mauern zerbröseln, Hütten lösten sich in Holz und Lehm, Pfade verschwanden.

Und ihr betratet ein Ringfort aus der Bronzezeit. Auf einer kleinen Anhöhe. Holzpfähle, Erdwälle, Feuerstellen. Nicht Köln, wie ihr es kanntet. Sondern das, was Köln ausmachte, lange bevor jemand es benannte.

Im Zentrum des Ringforts: ein Mann mit alabasterner Haut, in einfacher Lederarbeitskleidung, stehend in der ältesten Nacht dieser Stadt. Sein Blick war ruhig. Nicht hart. Nicht gütig. Souverän.

Aus seiner Brust gingen die beiden dicken Bänder hervor, denen sie gefolgt waren. Und von ihm aus liefen weitere, unzählige dünnere Bänder in alle Richtungen — flach über den Boden, tief in die Erde, in den Himmel. In das römische Köln. In das mittelalterliche Köln. In das moderne Köln. Alles mit ihm verbunden. Alles pulsierend im Rhythmus eines unsichtbaren Herzens.

Keine Regung. Keine Bewegung. Kein Wort, das die Luft berührte.

Nur ein Gedanke, der sich direkt in euren Köpfen formte, ruhig und alt wie Stein:

„Herrschaft zerstörte die ersten beiden. Doch diese Stadt mit C muss für die Ewigkeit bewahrt werden."

Tiefe Wellen liefen durch die Bänder — Lichtblitze wie Strom durch Synapsen, hinaus in alle Zeiten, die ihr bereits gesehen hattet.

Der letzte Eindruck, den sie mitnahmen, war kein Bild. Es war ein Jeföhl.

Köln ist ein Jeföhl von Freiheit und Toleranz.
Nicht Stärke, nicht Herrschaft, nicht Blut.
Ein Jeföhl.

V. 19:22

Der Schlag kam unerwartet. Eine Schulter, hart, genervt. Ein Schritt zur Seite.

„Passt doch auf."

Der Mann war schon weitergegangen. Ein Mantel. Eine Aktentasche. Nichts Besonderes.

Um sie herum: der frühe Abendverkehr Richtung Gürzenich. Gespräche. Schritte auf Pflaster. Das ferne Summen der Stadt. Keine Bänder. Kein Nebel. Keine Statuen.

Einer von ihnen hob den Blick. Eine Uhr im Schaufenster. Es war Sonntag, 19:22 Uhr.

Es war 22:22 gewesen, als die Glocke schlug. Als der Dicke Pitter den Ton in sie hineingetrieben hatte. Als der Nebel kam.

Jetzt war es drei Stunden früher.

Und alles, was von dem blieb, was ihr gesehen hattet, war dieses merkwürdige Wissen: Ihr seid euch nicht einmal sicher, ob es wirklich passiert ist. Oder ob euer Verstand etwas ergänzt hat, um Lücken zu füllen.

Ein Traum. Eine Projektion. Ein Echo.

Aber das Ziehen im Brustkorb blieb. Das Gefühl, zu wissen, wo ihr herkommt. Heimat. Verbindung zu Cöln. Ein vertrautes Gefühl, das vorher nicht da gewesen war.

Gen 5 Marcus Vipsanius Agrippa
Gen 6 Soromil (ca. 800 v. Chr.) · Hasdrubal Barca (207 v. Chr.)
Gen 7 Lucius Hildebold, Prinz von Cöln (950) · Isolde von Kleve (1000) · Konrad von Koblenz (1150)
Gen 8 Die sieben Tugendkinder Lucius' — Amabilia, Severin, Laurelia, Damarcus, Vigilian, Sileas, Celandor
Gen 9 Prophet Elias (1400) · Albrecht (1380) · Konrad v. Koblenz-Linie

Die Bänder führen durch alle Jahrhunderte. Was sie verbindet, ist nicht Clan, nicht Rang — sondern Blut, das eine Stadt im Gleichgewicht hält.