Amira wuchs in Duisburg-Rahm auf, in einem Haus mit Glasfassade, Marmorboden und dem Geruch von frisch poliertem Holz — steril, ordentlich, leise. Die Familie van Holt war in den Kreisen der Stadt bekannt: Wohlstand, Disziplin, Bildung. Zuneigung war dort kein Wert, sondern ein Risiko.
Ihr Vater lebte nach Zahlen und Ergebnissen. Ihre Mutter korrigierte juristische Fachtexte, während Amira Klavier übte. „Leistung ist Liebe", sagte die Mutter einmal — und meinte es auch so. Ihr Bruder Tobias war das Paradebeispiel: brillant, zielstrebig, charmant. Amira lernte früh, dass ihr Platz im Schatten seines Erfolgs lag.
Das Abitur mit 2,5 war für die Familie kein Abschluss, sondern ein Scheitern. „Vielleicht bist du einfach nicht für akademische Laufbahnen geschaffen", sagte der Vater. An diesem Tag schwor Amira, nie wieder in den Maßstäben anderer zu leben.
Das Studium der Sozialen Arbeit an der HAW Hamburg war ein Befreiungsschlag. Weg von Duisburg, weg von Erwartungen. In Hamburg fand sie WG-Küchen voller Lachen, Diskussionen über Gerechtigkeit, Menschen, die Fehler machten und trotzdem gemocht wurden. Zum ersten Mal durfte sie sein, statt leisten.
In der sexpositiven Szene fand sie Nähe ohne Urteil, in linken Kollektiven Sinn ohne Karriereplan. Sie spielte wieder Klavier — in einer kleinen Jazz-Band. In dieser Freiheit entdeckte sie, dass ihr Zorn kein Defekt war, sondern Kraft: Zorn über Ungleichheit, über Menschen, die nie eine zweite Chance bekamen, über Systeme, die Reichtum über Würde stellten.
Nach dem Abschluss zog es sie zurück — nicht nach Duisburg, sondern nach Dortmund. Als Streetworkerin arbeitete sie mit Jugendlichen, Drogenabhängigen, Obdachlosen. Sie sprach mit ihnen auf Augenhöhe, nicht als Autorität, sondern als Verbündete. Manchmal sah sie in ihnen sich selbst: gebrochen, aber kämpfend.
Und doch blieb tief in ihr ein Riss. Der Wunsch, wirklich etwas zu verändern — und die Ohnmacht, immer wieder dieselben Kreisläufe aus Elend und Ignoranz zu sehen.
Amira will beweisen, dass Würde und Mitgefühl mehr verändern können als Kontrolle und Macht. Ihr Antrieb ist es, Strukturen zu zerschlagen, die Menschen — und Vampire — zu Werkzeugen von Leistung, Status oder Blutlinie machen. Im Kern träumt sie davon, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Zugehörigkeit nicht verdient, sondern gegeben wird.
Erich wuchs in Düsseldorf als Sohn von Kaufleuten auf, absolvierte eine Ausbildung zum Schneider und wurde früh an die Geschäftsführung herangeführt. In den 1920ern entdeckte er Swing und Jazzkultur. Als seine Eltern starben, übernahm er mit 25 Jahren das Geschäft und versuchte, es den neuen Zeiten anzupassen.
Es war Aaron Goldstein, der Interesse an dem Betrieb — und an Erich selbst — fand. 1932 wurde Erich zum Vampir gemacht: Er sollte in einem neuen Deutschland eigene Geschäfte als menschliches Gesicht führen.
Zu seiner vampirischen Schwester Élise entwickelte sich von Beginn an ein gespanntes Verhältnis. Sie befürchtete, dass ihre Position als älteres Kind Aarons durch einen männlichen Bruder gefährdet würde — kein konkreter Vorfall, eher tiefes, allgemeines Misstrauen. In der Öffentlichkeit spielte man heile Welt, blieb aber kühl.
Erich lernte Isabelle d'Aubigny kennen, Primogen in Köln — zunächst als Bote Goldsteins, später als echter Freund. Diese Freundschaft lastete schwer auf dem Verhältnis zu Élise, die sie stets als Beweis für ihre Sorgen sah. Als Élise versuchte, Erichs Beziehung zu Isabelle hinter seinem Rücken zu sabotieren, kam es zu einer Konfrontation — möglicherweise unter Einbeziehung der Ghoulin Amélie Fontaine.
1935/36 sah Erich keine Zukunft mehr in Deutschland und floh nach London, während Aaron Goldstein nicht aufgeben wollte. Dort gründete er ein neues Schneidergeschäft, belieferte das britische Militär mit Uniformen und positionierte sich nach dem Krieg neu — zunächst bei der 60er-Mods-Kultur, später Punk, dann vor allem Wave und Goth, dabei stets auch Upper-Class-Kundschaft.
Während der Operation Antigen 2012–2013 nutzte er aus Selbstschutz einen anderen Vampir als Ablenkung. Als der Bloodhunt scheiterte, floh er nach Antwerpen. Die Verbindung zu Goldstein brach weitgehend ab.
Dort erreichte ihn der Hilferuf von Amélie Fontaine — Isabelles Ghoulin, nun in den Händen von Élise gefangen. Amélie kann Élise nicht leiden und wollte fliehen. Sie wandte sich an Erich. Er reiste nach Köln.
Aaron Goldstein — Erzeuger, jetzt Fürst von Düsseldorf. Distanziertes Verhältnis, kein grundsätzlicher Bruch. Aaron hat neue Kontakte, braucht Erich weniger als früher — aber keine harten Gefühle.
Élise Garnier — Vampirische Schwester. Nicht verfeindet, aber definitiv nicht vertrauensvoll. Die Situation wurde irgendwann einfach so hingenommen.
Isabelle d'Aubigny — Toreador-Primogen Köln, vernichtet in der Nacht des 5. Oktober. Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung über Jahrzehnte hinweg.
Man sagt, manche Menschen hören mehr als andere. Jakob Müller war so jemand. Geboren 1989 in Witten, wuchs er in einer Welt aus Stimmen auf — Radiowecker, Kassettenrekorder, das Summen der alten Stereoanlage. Während andere Kinder Fußball spielten, saß Jakob in seinem Zimmer, nahm Geräusche auf und sprach mit der Stille zwischen zwei Liedern.
Nach dem Journalistikstudium in Dortmund begann er beim Campusradio, später beim Regionalsender Radio Vest. Seine Nachtshow „JJ by Night" — Musik, Gedichte, Lokaljournalismus, Gespräche mit Menschen, die wach blieben, weil sie nicht anders konnten.
Irgendwann wurde die Dunkelheit zu dicht. Die Sendungen länger, die Nächte tiefer. Er schlief kaum, trank zu viel Kaffee. Die Stimmen seiner Hörer blieben in seinem Kopf, hallten nach, bis er nicht mehr unterscheiden konnte — von seinen eigenen Gedanken.
Dann begannen die Störungen: Flüstern auf toten Frequenzen, leise Rufe, wenn kein Mikrofon offen war. Jakob notierte Zeiten, Wellenlängen, Worte, die sich wiederholten. Schließlich brach er live auf Sendung zusammen.
Die Diagnose lautete Burnout. Man brachte ihn in die Klinik Altenwerth — eine Einrichtung, die Ruhe versprach. Dort lernte er Dr. Elisabeth Altenwerth kennen. Sie stellte seltsame Fragen: „Wie klingt Stille für Sie, Herr Müller? Und was, wenn das Rauschen gar kein Symptom ist, sondern ein Signal?"
Jakob vertraute ihr. Zu sehr. In der letzten Nacht sagte sie: „Ich kann Ihnen helfen, Jakob. Ich kann das Rauschen leiser machen." Dann kam Dunkelheit. Kälte. Der metallische Geschmack von Blut.
Als er wieder erwachte, war alles anders — zu klar, zu laut, zu nah. Er hörte sie kurzzeitig alle: die Stimmen, die Frequenzen, das Flüstern der Toten. Fünf Nächte allein in einem verlassenen Gebäude. Seitdem nennt er sich wieder JJ, als wäre das Mikrofon nie abgeschaltet worden.
Er ist höflich, ordentlich, kontrolliert — bis das Rauschen bzw. der Burnout wiederkehrt. Dann spricht er automatisch, kommentiert, analysiert. Für ihn ist die Welt nun mehr: viele Frequenzen, die nie ganz klar zu empfangen sind. Tief in sich glaubt er, dass irgendwo da draußen noch eine Antwort wartet — auf einer Wellenlänge, die kein Mensch je hören sollte.
Jakob kann niemals wieder vollständig geistig heilen. Er trägt das Burnout-Syndrom bis in alle Ewigkeit. Erleidet er einen Zwang oder bei einem bestialischen Fehlschlag — er wird in den Strudel gezogen, zurück in Richtung Radiostudio. Er sitzt am Mikrofon und beginnt zu moderieren. Wie ein Wrack verpackt er alles in Phrasen.
Jakobs Erzeuger hat ihm eine besondere Gabe mitgegeben, von der er nichts weiß. Sie hatte in der Vergangenheit viel mit den Gangrel zu tun und hat die Disziplin Seelenstärke gemeistert.
Viele Jahre lang wollte er der erfolgreichste Nachmoderator Westdeutschlands werden. Doch nun? Er ist tot — so haben sie es gesagt. Und dann die ganzen Basis Dinge. Jakob möchte so schnell wie möglich wissen, was hier überhaupt los ist. Warum er, warum jetzt — und wo ist diese Frau, die ihm das angetan hat?
Patrik führt das Familienunternehmen „Neumann & Söhne — Bestattungen seit 1950" in dritter Generation. Der Betrieb wurde nach dem Krieg von seinem Großvater Wilhelm gegründet, später von seinem Vater Heinrich übernommen. Schon als Kind war der Tod für ihn kein Tabu. Er wuchs über der Werkstatt auf, half früh bei Trauerfeiern und lernte, dass Würde und Ordnung wichtiger sind als große Worte.
Sein Vater war ein strenger, aber gerechter Mann — Lob gab es selten, Fehler waren keine Option. Von seiner Mutter, die sich nach dem Tod ihres Mannes immer mehr zurückzog, hat Patrik sich emotional entfernt.
Nach der Realschule absolvierte er eine Ausbildung zum Bestattungsfachangestellten und spezialisierte sich auf Thanatopraxie — die hygienische und ästhetische Versorgung Verstorbener. Er arbeitet präzise, ruhig und unauffällig. In der Branche gilt er als zuverlässig, aber distanziert.
Patrik lebt allein über dem Bestattungsinstitut. Seine Wohnung ist ordentlich, fast steril. Er hat keine Familie, kaum Freunde, meidet Gesellschaft. Sein Alltag besteht aus Routinen — dieselben Abläufe, dieselben Wege, dieselben Mahlzeiten. Das gibt ihm Halt, seit die Welt um ihn herum unruhiger geworden ist.
Die Corona-Pandemie hat ihn stärker getroffen, als er zugeben würde. Erst kam die Arbeit im Übermaß, dann der Stillstand. Seitdem läuft das Geschäft schleppend, und Patrik spürt eine wachsende Erschöpfung. Er funktioniert, aber er lebt nicht mehr wirklich.
Er glaubt nicht an das Jenseits, sondern an Würde, Form und Verantwortung. Für ihn ist der Tod kein Mysterium, sondern ein natürlicher Zustand — berechenbar, ehrlich, still.
In letzter Zeit hat er begonnen, alte Unterlagen seines Großvaters zu sichten. Dabei stößt er auf Ungereimtheiten — Bestattungen ohne Namen, merkwürdig verschleierte Aufträge aus den 1950er Jahren. Er weiß nicht genau, wonach er sucht — aber irgendetwas daran lässt ihn nicht los.
Patrik ist ein Mann Ende dreißig, etwa 1,83 m groß, mit einer schmalen, aufrechten Haltung. Er trägt meist dunkle, schlichte Anzüge, sauber gebügelt, mit dezenten Hemden in Grau, Weiß oder Blaugrau. Keine Krawatte, kein Schmuck. Seine Kleidung riecht nach Waschmittel, nicht nach Parfum.
Kurz geschnittene dunkelblonde Haare, ein akkurat gestutzter Bartschatten, graublaue Augen, die selten direkt, aber immer aufmerksam blicken. Seine Bewegungen sind langsam, präzise und leise — kein unnötiger Schritt, keine plötzliche Geste. Selbst, wenn er eine Tür schließt, tut er es mit der gleichen Sorgfalt, als wäre es Teil eines Rituals.
„Er sieht aus, als wäre er direkt von einer Trauerfeier gekommen — dunkler Anzug, ordentliche Hände, ein Gesicht, das weder Trauer noch Freude zeigt. Wenn er den Raum betritt, wird es still, nicht aus Angst, sondern weil man spürt, dass Stille für ihn etwas Natürliches ist."