Will den Krieg überleben, ohne vor irgendwem zu kuschen. Und einmal nicht wegsehen.
Will seine Leute lebend durch den Krieg bringen und die Toten ordentlich begraben. Seinen richtigen Vornamen sagt er niemandem.
Will die Grenze zwischen Leben und Tod vermessen, bevor die Front Köln erreicht.
Hochbunker Körnerstraße, Ehrenfeld · etwa 20 Uhr.
Die Sirene heult über den Dächern. Menschen strömen aus den Seitenstraßen zum Bunker. Spatz, Schäng und Sybille erreichen den Eingang fast gleichzeitig, aus verschiedenen Richtungen.
Schäng erkennt Spatz sofort. Er war mit ihrem Vater befreundet und kennt sie seit ihrer Kindheit. Auch Sybille erkennt Spatz wieder; sie war mit ihrer Mutter in der Schule befreundet. Und Schäng und Sybille sind sich darüber auch schon über den Weg gelaufen.
Am Bunkereingang staut sich die Menge. Ein Mann steht in der Tür und weist die Ankommenden weiter. Neben der Mauer wartet ein einzelnes Mädchen. Ihr Mantel ist abgetragen, an ihrer Brust sitzt ein gelber Stern. Sie hält ein kleines Bündel fest an sich gedrückt.
Esther sieht zur Tür, dann zum Bunkerwart. Sie fragt nicht, ob noch Platz ist. Sie weiß die Antwort schon.
Sybille kennt sie als das Mischlingskind von nebenan. Auch Esthers Vater ist ihr vertraut: der Mann, der ihr früher den Hof gemacht hat, als das Wort Jude nur ein Schimpfwort war und noch kein Urteil. In einer anderen Welt hätte Esther ihre Tochter sein können.
„Ich brauche keinen ganzen Platz. Nur bis der Alarm vorbei ist."
„Du weißt, dass du hier nichts zu suchen hast. Geh weiter."
Drinnen ist der Bunker überfüllt. Zwischen den Bänken riecht es nach nasser Wolle, Kohle und Angst. Jemand hustet in ein Taschentuch. Ein Kind zählt die Sekunden zwischen den Einschlägen.
Eine Frau mit Brille sitzt abseits und liest bei einer kleinen Lampe in einem Buch. Als Esther an ihr vorbeigeht, hebt sie für einen Moment den Blick. Sie sagt nichts, aber sie rückt ihre Tasche vom freien Platz neben sich.
Als die Entwarnung kommt, sind die Menschen erleichtert, aber niemand lächelt. Der Krieg hat nur aufgehört, genau hier einzuschlagen. Weiter hinten in der Straße ist ein Haus eingestürzt.
Eingestürztes Haus in Ehrenfeld · etwa 22 Uhr.
Das Haus ist nicht vollständig eingestürzt. Es ist zur Seite gesackt, als hätte jemand ihm die Knie weggetreten. Ein Fensterrahmen hängt schief über der Straße. Aus dem Keller kommt ein Geräusch, das vielleicht ein Mensch ist.
Nachbarn rennen zu den Trümmern und rufen Namen. Schreie. Hilfe. Entsetzen. Aber niemand ruft laut genug, um etwas zu ändern. Die Feuerwehr ist zu hören. Fritz und der alte Kowalski, Schängs Bergungstrupp, schlagen ihm im Rausgehen auf den Rücken: Arbeit. Komm. Los.
Esther sieht Spatz an. „Ich bin gleich wieder da. Ich muss nachsehen." Dann rennt sie los, hinter das Haus.
Zwischen den Toten, die Schängs Trupp aus dem Schutt holt, sind Menschen, die Esther kennt.
Ein Wagen hält an der Absperrung. „Guten Abend. Einige aus der Steinbrück-Bande sollen sich hier verkrochen haben. Wenn sie heute hier waren, möchte ich das gern wissen."
Zu Spatz, fast vertraulich: „Du kennst dich hier aus, stimmt's, Mädchen? Ich will niemandem Schwierigkeiten machen, wenn es nicht nötig ist. Aber du wärst genau im richtigen Alter, um auch Teil der Bande zu sein … Volksverräter."
„Hast du mir nicht etwas zu sagen?" Carl fasst nach deinem Arm. Für einen Moment steht ihr so nah beieinander, dass du seinen Atem riechst, sauberer als der Rest der Straße.
Dann blitzt etwas auf: eine Kante, ein Ring oder das Metall an seiner Manschette. Der Schnitt ist nicht tief. Das Blut schon. Carl lässt deinen Arm los, betrachtet die Spur, die er hinterlassen hat, und lächelt.
„Das war ungeschickt", sagt er. „Von uns beiden. Ich bin mir sicher, dass wir uns wiedersehen. Nicht zwingend morgen … aber bevor das hier vorbei ist, werden wir alle Verräter ausgemerzt haben."
„Ich bin außerdem auf der Suche nach einem kleinen Judenmädchen, das hier gewohnt hat. Hast du sie gesehen?"
Erst als Carl weg ist, kommt Esther zurück. Weinend, verzweifelt. Sie sind alle tot.
Ein Polizist weist euch an, die Toten in die Helioswerke zu bringen. Der Lastwagen fährt an, als die Straße wieder dunkel wird. Zwischen den Häusern hängt der Geruch von Staub und nassem Stein. Esther sitzt nicht bei den Toten, aber sie sieht ihnen nach.
„Meine Mutter hat gesagt, ich soll nicht allein zum Dom", sagt sie. „Aber da wartet jemand, der Leute rausbringt."
Helioswerke, Ehrenfeld · um Mitternacht. Sybille ist für die medizinische Abteilung verantwortlich und muss nachsehen, ob das Lager getroffen wurde. Ersatzarbeitskräfte sind im Herbst 1944 nicht mehr so leicht zu beschaffen wie in den Jahren zuvor.
Über dem Gelände hängt eine graue Wolke aus Staub und Rauch. Flammen flackern hinter den zerborstenen Fenstern der Hallen; dazwischen zucken Suchscheinwerfer über den Hof. Der Boden ist mit Ziegeln, Glas und verbogenen Metallteilen übersät.
Dort, wo das Lager stand, ist kaum noch eine Baracke ganz geblieben. Der Zaun liegt in mehreren Teilen am Boden. Aus der Tiefe des Geländes kommt ein unregelmäßiges Klopfen, das im Lärm der Sirenen immer wieder untergeht.
Am Rand des Lagers führt eine freigelegte Treppe in den Keller. Unten steht ein Industrieofen, halb von herabgestürztem Mauerwerk eingerahmt; über seiner schwarzen Öffnung flimmert die Luft.
Der Rauch zieht nicht nach oben. Er zieht zum Ofen.
Zwischen den schwarzen Steinen erscheinen Gesichter. Hände im Rauch, Gesichter im Ruß, ein Blick hinter einer zugemauerten Öffnung. Sie sprechen nicht alle gleichzeitig. Einer hebt die Hand und zeigt auf die Tür des Ofens. Ein anderer schüttelt den Kopf.
Dann hörst du eine Stimme, ganz nah: „Vergesst uns nicht."
Die Geister wollen nicht, dass jemand den Ofen zerstört. Sie wollen, dass jemand bezeugt, was hier geschehen ist.
Neben dem Hof liegt ein provisorisches Büro. Die Tür steht offen. Ein SS-Offizier hat hier alles durchwühlt: Aktenkisten aufgerissen, Papiere auf dem Boden verteilt, die Schreibmaschine zur Seite geschoben. Zwischen den Blättern findet Spatz einen Brief. Er ist an einen Jakob adressiert, in derselben Straße, in der Esther gewohnt hat. Ein Brief an Esthers Vater.
9. November 1938
Ich habe Ihre Familie im Keller hinter unserem Haus versteckt. Bleiben Sie in Ihrem Haus, bis die Suche vorüber ist. Ich werde niemandem sagen, dass sie bei uns sind. Sobald ich kann, bringe ich Ihnen Ihre Frau und Tochter zurück, und bis dahin kein Wort.
CZ
Jemand hat Esthers Mutter und Esther damals versteckt. Dieser Brief hätte nie hier landen dürfen. Spatz nimmt ihn an sich.
„Sie hat gesagt: Wenn ich es bis zum Dom schaffe, soll ich nach der weißen Frau fragen. Sie kennt Wege, die nicht auf Karten stehen."
Esther presst die Hände ineinander.
„Meine Mutter hat gesagt, die weiße Frau hilft Leuten. Ihr wurde selbst von jemandem geholfen, eine lange Zeit unterzutauchen, und wir wurden von ihm versteckt, als ich noch klein war. Ich kann mich nur an einen warmen Keller erinnern, und dass wir nichts zum Anziehen hatten und unsere Sachen abgeben mussten, weil sie dreckig waren … Mich musste er mehrmals am Tag untersuchen. Das war wirklich nicht schön, aber Mama hat gesagt, das müsse sein, damit wir nicht krank werden."
„Aber ich muss zum Dom. Ich muss zumindest schauen, ob es die Frau gibt. Ich habe doch jetzt niemanden mehr."
Domplatte · etwa 2 Uhr.
Die Altstadt gibt es nicht mehr. Es gibt Straßen, die so tun, als führten sie noch irgendwohin, und Mauern, die stehen, weil niemand ihnen gesagt hat, dass sie fallen dürfen.
Dann ist da der Dom.
Die Fenster sind ausgebaut und vermauert. Sandsäcke liegen an den Portalen, im Querhaus klafft ein dunkles Loch. Um ihn herum ist die halbe Stadt in die Knie gegangen. Der Dom steht da, als warte er auf jemanden, oder als warte jemand auf etwas.
Auf der Domplatte stehen mehrere Gestalten, vielleicht ein Dutzend, in den Schatten verteilt. Der Mann trägt einen dunklen Mantel und bewegt sich, als gehöre ihm der Platz. Die Frau trägt weiße Handschuhe. Neben ihr steht der Mann von vorhin, und sie scheinen schon länger im Gespräch.
Aus der Deckung hört die Gruppe zu.
Sie: „Ich kann dir Wege geben. Boten. Verstecke. Körper, wenn du sie brauchst. Menschen, die verschwinden, ohne dass jemand eine Spur findet. Veränderung und Gestaltung in jeglicher Form."
Er: „Menschen, die verschwinden, sind aktuell nicht das Problem. Was willst du für deine Unterstützung?"
Sie: „Dass die weiße Kante unangetastet bleibt. Die Balance bleibt bewahrt, und du wirst nicht versuchen, meinen Grund und Boden anzutasten und meine Kreationen zu verändern. Ich habe Großes vor."
Er: „Aachen bleibt stabil, und Köln bleibt umkämpft, damit sie sich weiter mit sich selbst beschäftigen und uns in Ruhe lassen. Gut. Aber mir gefällt es hier nicht … etwas zieht und schreit, wenn ich mich dieser verdammten Kirche nähere. Irgendwann werde ich herausfinden, ob es wahr ist."
Sie: „Ob was wahr ist?"
Er: „Nichts, was für dich von Belang ist, meine Liebe."
Sie: „Gut. Dann gilt es?"
Er blickt noch einmal zum Dom.
Er: „Es gilt. Das war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass die Kirche geschützt wird, von welcher Kraft auch immer."
Dann drehen sich alle zur Gruppe um und winken sie heran. Wie auch immer sie sie gesehen haben.
Die Frau mit den weißen Handschuhen: „Das Mädchen kommt mit uns."
Einer ihrer Begleiter tritt zu Esther. Carl beobachtet das Mädchen, aber sein Gesicht zeigt weder Überraschung noch Erleichterung.
„Du bist jetzt in Sicherheit."
Esther sieht zur Gruppe, und warum auch immer: Sie sieht erleichtert aus. Jemand nimmt sie an die Hand, und die Entourage macht sich auf den Weg.
Als die Gestalten aus den Schatten abziehen, bist du für einen Moment irritiert. Du glaubst, deinen Vater erkannt zu haben, oder jemanden, der ihm sehr ähnlich sieht. Deinen Vater, der im Krieg gefallen ist. Aber bevor du den Gedanken weiterverfolgen kannst, ist er weg. Wie ausgelöscht.
Ehrenfeld, Hüttenstraße · Morgengrauen, 25. Oktober 1944.
Der Morgen kommt grau und ohne Wärme.
In der Hüttenstraße stehen Menschen in Mänteln und Uniformen. Ein Gerüst aus Holz zeichnet sich gegen den Himmel ab. Niemand spricht laut. Niemand muss fragen, was hier geschehen wird.
Elf Menschen werden an diesem Morgen öffentlich gehängt. Zwangsarbeiter aus dem Osten.
Die Stadt sieht zu. Manche aus Zwang, manche aus Angst, manche, weil sie gelernt haben, nicht wegzusehen.
Dann zieht der Nebel wieder über die Straße.
Hier endet die Nacht. Und für zwei von ihnen beginnt ein neues Leben.
Erst als der Dom längst hinter ihnen liegt, sagt Schäng: „Und was hast du jetzt vor zu tun, Alicia?"
Alicia sieht lange zurück in Richtung Dom, als müsste sie erst nachrechnen.
„Das weiß ich noch nicht, Onkel Samuel."
Eine Stunde entfernt, Richtung Westen. Das Mädchen mit dem Stern sitzt in einem verborgenen Bunker unter dem Aachener Dom, mit ein paar Jungen in ihrem Alter, und sie scheinen sich gut zu verstehen. Kinder, die lachen und spielen.
Viele Jahre später wird man sie als Ravenna kennen.
Leopold Gruber nimmt ihn mit. Den Namen, den er niemandem sagte, trägt er von jetzt an.
Die Narbe von Carls Schnitt bleibt. Was sie jetzt vorhat, weiß sie noch nicht.
Das Mädchen mit dem Stern. Unter dem Aachener Dom beginnt ihr neues Leben.